50 Jahre Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der BOKU: Wissen und Verantwortung für Wildtiere

Das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) der BOKU University feierte am 29. und 30. September 2026 sein 50-jähriges Bestehen. Rund 150 Festgäste aus Politik, Wissenschaft, Jagdverbänden und Naturschutz kamen im Ilse-Wallentin-Haus in Wien zusammen, um die Leistungen des Instituts zu würdigen und gemeinsam auf die Gegenwart und Zukunft des Wildtiermanagements zu blicken.

Die zweitägige Jubiläumsfeier verband persönliche Rückblicke mit aktuellen Erkenntnissen aus Forschung und Praxis. Dabei wurde deutlich, wie weit die Arbeit des IWJ über die Universität hinauswirkt: in Jagdreviere und Schutzgebiete, in Behörden, Medien und die gesellschaftliche Diskussion über Wildtiere und ihre Lebensräume. Am zweiten Veranstaltungstag gestalteten ausschließlich Alumni der BOKU University das Vortragsprogramm. Ihre beruflichen Wege führten sie in Forschung und Praxis sowohl innerhalb Österreichs als auch weit über die Landesgrenzen hinaus – und zeigten damit die internationale Wirkung der Ausbildung an der BOKU.

BOKU 50 Jahre IWJ: VR DI Gerhard Mannsberger, Andrea Johanides, Em.o.Univ.Prof. Dr. Hartmut Gossow, Univ.Prof. Dr. Klaus Hackländer, BM Mag. Norbert Totschnig, Assoc.Prof. DI Dr. Ursula Nopp-Mayr, LJM DI (FH) Anton Larcher © Christoph Gruber | BOKU University
BOKU 50 Jahre IWJ: VR DI Gerhard Mannsberger, Andrea Johanides, Em.o.Univ.Prof. Dr. Hartmut Gossow, Univ.Prof. Dr. Klaus Hackländer, BM Mag. Norbert Totschnig, Assoc.Prof. DI Dr. Ursula Nopp-Mayr, LJM DI (FH) Anton Larcher © Christoph Gruber | BOKU University

Ein Festakt im Zeichen der Wertschätzung

Institutsleiter Univ.-Prof. Dr. Klaus Hackländer begrüßte die Gäste und führte durch den Jubiläumsabend. Besonders herzlich hieß er den Institutsgründer Em. o. Univ.-Prof. Dr. Hartmut Gossow willkommen, der sich in seinem 89. Lebensjahr befindet und ohne dessen Aufbauarbeit dieses Jubiläum nicht möglich gewesen wäre. „Ich war immer sehr froh, Hartmut, dass du da warst, sehr zurückhaltend und doch immer ratschlaggebend“, würdigte Hackländer seinen Vorgänger. Diese gemeinsame Zeit sei sehr wertvoll gewesen und möge hoffentlich noch lange anhalten. Die BOKU Brass und die BOKU-Jagdhornbläser unter der Leitung des ehemaligen BOKU-Rektors Univ.-Prof. DI Dr.Dr.h.c.mult. Martin Gerzabek verliehen dem Festakt einen feierlichen musikalischen Rahmen.

DI Gerhard Mannsberger, Vizerektor für Personal, Organisation und Digitalisierung, würdigte die Verbindung von Grundlagenforschung und praktischer Anwendung. In einer Kulturlandschaft, in der Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Fischerei, Naturschutz, Tourismus und Raumplanung aufeinandertreffen, brauche es wissenschaftlich fundierte Orientierung: „Wildtier-Management ist deshalb immer auch eine Aufgabe, bei der ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte zusammengeführt werden müssen. Das IWJ hat wesentlich dazu beigetragen, diese Zusammenhänge wissenschaftlich zu erschließen.“

Assoc.-Prof. Dr. Ursula Nopp-Mayr, Leiterin des Departments für Ökosystemmanagement, Klima und Biodiversität (ÖKB), hob die Bedeutung des IWJ für das Department hervor. Die Erfolge in Forschung und Lehre seien wesentlich dem Teamgeist und der interdisziplinären Zusammenarbeit zu verdanken.

Bundesminister Mag. Norbert Totschnig, der Wiener Umweltstadtrat Mag. Jürgen Czernohorszky und Andrea Johanides, Geschäftsführerin des WWF Österreich, unterstrichen in ihren Grußworten den Wert der Wildtierforschung für Wildtiere, ihre Lebensräume und den Erhalt der Populationen unter herausfordernden Umweltbedingungen.

Anton Larcher: Wissenschaft und Jagdpraxis verbinden

Für Jagd Österreich sprach Präsident und Tiroler Landesjägermeister DI (FH) Anton Larcher. Als Akademischer Jagdwirt ist er dem Bildungsangebot der BOKU auch persönlich verbunden. Er würdigte die gewachsene Zusammenarbeit zwischen Jägerschaft und Wissenschaft, durch die viele gemeinsame Projekte erst möglich würden. Das IWJ und der Universitätslehrgang Jagdwirt hätten dazu beigetragen, Vorbehalte abzubauen und fachliche Perspektiven zu erweitern.

„Genau diese Verbindungen brauchen wir dringender denn je. Denn die Herausforderungen werden nicht kleiner“, betonte Larcher. Als Beispiele nannte er Klimawandel, Biodiversität, Waldentwicklung, Wildkrankheiten, Wolf und Bär sowie die zunehmende Freizeitnutzung und den Verlust beziehungsweise die Zerschneidung von Lebensräumen. Für ihn stehe deshalb fest: „Wildtiermanagement ist längst schon eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit geworden.“ Das Jubiläumsprogramm bilde diese Bandbreite ab und greife unter anderem die Interaktionen zwischen Menschen und Wildtieren auf.

Eine wesentliche Grundlage für ein zeitgemäßes Wildtiermanagement sei die Verbindung von jagdlichem Erfahrungswissen und wissenschaftlicher Erkenntnis. Jägerinnen und Jäger bringen durch ihre kontinuierliche Arbeit in den Revieren wertvolles Wissen zu Wildbeständen und Lebensräumen ein, das mit systematisch erhobenen Daten verknüpft werden müsse.

Larcher betonte außerdem, wie wichtig es sei, den Wert der Wildtiere im gesellschaftlichen Bewusstsein zu erhalten. Sein Beitrag verdeutlichte die gemeinsame Verantwortung von Wissenschaft und Jagd, Entwicklungen aufmerksam zu beobachten, Entscheidungen fachlich zu begründen und im Austausch voneinander zu lernen.

Hartmut Gossow und Klaus Hackländer: Fünf Jahrzehnte im Gespräch

Ein besonderer Programmpunkt war das Festgespräch zwischen Hartmut Gossow und Klaus Hackländer. Unter dem Leitgedanken „30 + 20“ blickten der Institutsgründer und sein Nachfolger auf die Entwicklung des IWJ zurück. Persönliche Erinnerungen und fachliche Rückblicke machten die Aufbauarbeit und die Weiterentwicklung des Instituts anschaulich.

Als Gossow 1976 das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft gründete, war die damalige Hochschule für Bodenkultur bereits 104 Jahre alt. Wildkunde und Jagd waren jedoch, wie Hackländer erläuterte, schon seit ihrer Gründung 1872 Teil der Lehre: „Wildkunde und Jagdbetrieb“ gehörte damals zu den Pflichtfächern im Forststudium.

Ein sichtbares Zeugnis dieser langen Verbindung findet sich am Gregor-Mendel-Haus. Über dessen Portal stehen vier männliche allegorische Figuren aus dem Jahr 1896, die Studienfächer und Forschungsgebiete der BOKU verkörpern. Eine davon zeigt einen bärtigen Lodenträger mit einem erlegten Auerhahn in den Händen – ein historischer Hinweis auf den Stellenwert der Jagd an der Hochschule.

Mit der Gründung des IWJ erhielt das Fachgebiet ein eigenes Institut. Unter Hackländer, der es seit mehr als 20 Jahren leitet, wurden Forschung, Lehre und internationale Zusammenarbeit weiterentwickelt. Das Festgespräch würdigte die Leistungen beider Persönlichkeiten und ihrer Teams und zeigte zugleich, wie wissenschaftliche Arbeit über Generationen weitergetragen wird und sich mit neuen Fragestellungen verändert.

Wildtierforschung zwischen Ökologie und Gesellschaft

Das Festsymposium am zweiten Tag, moderiert von Klaus Hackländer und seinem Stellvertreter Dr. Florian Kunz, zeigte die vielfältigen Arbeitsfelder der IWJ-Alumni.

Michaela Corsini PhD von Eurac Research in Bozen beleuchtete Mensch-Wildtier-Interaktionen – von Rehwilduntersuchungen bis zu Stadtökologie und Lichtverschmutzung. Prof. Dr. Andreas Zedrosser von der University of South-Eastern Norway widmete sich den nicht-letalen Folgen der Jagd am Beispiel skandinavischer Braunbären.

Asst.-Prof. Dr. Sabrina Dressel von Wageningen University & Research stellte gesellschaftliche Einstellungen und die Voraussetzungen für Koexistenz in den Mittelpunkt. Dr. Friederike Pohlin von der Vetmeduni Wien verdeutlichte die Bedeutung des Tierwohls bei Fang, Narkose und Transport von Wildtieren.

Die Verbindung zur praktischen Arbeit zeigten Dr. Christoph Leditznig am Beispiel des Wildnisgebiets Dürrenstein-Lassingtal, DI Stefan Schörghuber MSc von den Österreichischen Bundesforsten zum Wald der Zukunft und Annemarie Kaiser MSc vom Landesamt für Umwelt Brandenburg zur Schutzgebietsarbeit. Gemeinsam veranschaulichten die Beiträge, wie eng ökologische Fragen mit gesellschaftlichen Ansprüchen, unterschiedlichen Nutzungsinteressen und der Zusammenarbeit vor Ort verbunden sind.

Gernot Heigl: Wildtiermanagement braucht Wissen und Zusammenarbeit

Gernot Heigl MSc, Geschäftsführer der Vorarlberger Jägerschaft, erläuterte die wildökologische Raumplanung als Instrument des Interessensausgleichs in der Kulturlandschaft. Sie verbindet großräumige Planung mit regionalen Maßnahmen – von Wildruhegebieten und Überwinterungskonzepten bis zur Lenkung von Freizeitaktivitäten. Klimawandel, die Rückkehr des Wolfs und die Rotwildtuberkulose erfordern eine Evaluierung und Weiterentwicklung dieser Planung. Die Einbindung der Beteiligten sei dabei ein Schlüssel zur Konfliktlösung.

Unter dem Leitgedanken „No data – no hunting“ verdeutlichte Heigl die Bedeutung verlässlicher Datengrundlagen. Dazu zählen Wildschadenskontrollen, Besenderungsprojekte, Gams-, Stein- und Rotwildzählungen sowie langjährige Erhebungen zum Birkwild. Zugleich müssten die Beweggründe der mitwirkenden Jägerinnen und Jäger berücksichtigt und der Nutzen ihrer Arbeit sichtbar gemacht werden, um Motivation und Datenqualität langfristig zu erhalten.

Ein konkretes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Jagd und Naturschutz war das dreijährige Vorarlberger Auerhuhnprojekt von IWJ, Vorarlberger Jägerschaft, BirdLife Vorarlberg, Stiftung Gamsfreiheit und Land Vorarlberg. Durch systematische Erhebungen und genetische Analysen von Losungs- und Federfunden wurden 55 Tiere nachgewiesen; der geschätzte Mindestbestand lag 2023 bei rund 90 Tieren. Das Projekt zeigte, welchen Beitrag gemeinsame Forschung und die Einbindung lokaler Akteure zum Verständnis gefährdeter Wildtierbestände leisten können.

Ausbildung und Wissenstransfer an der BOKU

Rund 1.000 Absolventinnen und Absolventen profitierten in den vergangenen 20 Jahren vom Masterstudium Wildtierökologie und Wildtiermanagement und vom Universitätslehrgang Jagdwirt. Dr. Eva Schöll begleitet das Masterstudium als Programmbegleiterin, Mag. Christine Thurner betreut den Universitätslehrgang als Lehrgangsmanagerin. Dr. Jennifer Hatlauf und Akad. Jagdwirtin Christine Fischer MBA stellten die Alumni-Fachgruppen vor und unterstrichen den Wert ganzheitlicher Ausbildung und lebenslangen Lernens.

Einen weiteren Einblick in die Wirkung des Instituts gab das Gespräch zwischen Klaus Hackländer, Akad. Jagdwirt Martin Ossmann, Chefredakteur von „Der Anblick“, und Martin Weber MSc, Chefredakteur der „Pirsch“. Die beiden IWJ-Alumni erläuterten, wie wissenschaftliche Erkenntnisse redaktionell aufbereitet werden und ihren Weg in die jagdliche Praxis finden. Der Austausch machte deutlich, welche Verantwortung Medien dabei übernehmen: Forschung verständlich zu vermitteln und eine fundierte Auseinandersetzung zu ermöglichen.

Dieser Wissenstransfer ist Teil der „Third Mission“: Neben Forschung und Lehre soll universitäres Wissen auch niederschwellig in die Gesellschaft gelangen. Einblicke in aktuelle Projekte des IWJ-Teams ergänzten das Programm – von Lebensraumvernetzung und Mensch-Wildtier-Konflikten bis zu Biodiversität, Klimawandel und Monitoring.

50 Jahre IWJ: Wissen, Erfahrung und Verbundenheit

In ihren Schlussworten griff Ursula Nopp-Mayr das Bild einer Collage auf: Unterschiedliche Schichten, Fragmente und Perspektiven ergeben durch ihre Verbindung ein gemeinsames Ganzes. Auch die Jubiläumstage fügten persönliche Erinnerungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen zu einem vielschichtigen Bild des Instituts zusammen.

Das Jubiläum würdigte damit neben den prägenden Persönlichkeiten auch die gemeinsame Arbeit des gesamten IWJ-Teams. Die Vorträge und Gespräche zeigten, wie viele Menschen die Entwicklung des Instituts mitgestaltet haben und seine Erkenntnisse heute in unterschiedliche Arbeitsbereiche weitertragen.

Für Jagd Österreich sind 50 Jahre IWJ Anlass, den prägenden Persönlichkeiten und dem gesamten Institutsteam für ihren Einsatz zu danken. Fünf Jahrzehnte Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der BOKU stehen für wissenschaftlich fundiertes Wissen, engagierte Ausbildung und einen lebendigen Dialog zwischen Forschung und Praxis – getragen von der gemeinsamen Verantwortung für Wildtiere und ihre Lebensräume.

Weitere Informationen: Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU University | Universitätslehrgang Jagdwirt*in

Fotos für diesen Beitrag: © Christoph Gruber | BOKU University